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Ich brauchte eine Vitamintablette in meinem Hals, um zu spüren, dass ich doch noch einen Lebenswillen habe.

Seit dem Tod meines Vaters hoffe ich jeden Abend, dass am nächsten Morgen der Albtraum endet. Jeden Morgen wache ich mit dem Gedanken auf, mich einen weiteren Tag durchkämpfen zu müssen. Das Gemeine als Suizid-Hinterbliebene ist: Man weiß, dass man nicht nicht leben kann. Man weiß aber auch nicht, wie man noch leben kann.

An diesem einen Morgen blieb mir meine tägliche Multivitamintablette im Hals stecken und ich erwischte mich bei dem kurzen Gedanken „Ich will noch nicht sterben.“ Als ich sie dann doch runterschlucken konnte, resümierte ich den bisherigen Tag, der mit dem Gedanken „Ich will nicht schon wieder einen weiteren Tag durchkämpfen müssen“ begann: Wasser, Arbeit, Krafttraining, Proteinpulver mit Spinat, Multivitamine. Alles eher lebensverlängernde Maßnahmen.

Es scheint, als wäre ich weniger lebensmüde als ich angenommen hatte. Vielleicht habe ich in dem Automatismus, der mein Überlebensmodus war, übersehen, dass ich doch schon wieder ein bisschen Lebensfreude habe.

„Fast so wie Lebensfreude“ scherze ich immer, wenn ich in ein Stück Pizza beiße. Freudenähnliche Zustände waren für mich im letzten Jahr vor allem mit materiellen Dingen verbunden. Pizza, Makeup, Kleidung. Nicht mit Menschen. Denn die erinnern mich nur daran, dass ich irgendwann wieder jemanden verlieren werde.

Doch wenige Tage nach dem Multivitamin-Vorfall ertappte ich mich bei einem Lachen, als ein Kollege den wahren Nutzen von Meerschweinchen erklärte – Gulaschzubereitung. Es war im Gegensatz zu den 16 Monaten davor kein zynisches Lachen, sondern ein herzhaftes. So, als wäre ein bisschen Lebensfreude dabei, ohne materieller Grundlage. Diese Woche sagte mir eine Kollegin, dass ich fröhlicher wirke. Mein erster Gedanke war: „Habe ich meine Verzweiflung im letzten halben Jahr nicht gut genug überschminkt?“ Offenbar kaufen mir nicht alle meine Roboter-Maske ab und sehen sowohl gute als auch schlechte Emotionen in mir. Heute traf ich nach langer Zeit ein bekanntes Gesicht wieder und merkte, dass es gar nicht mehr so weh tut, Menschen zu treffen, die man mag.

Selbst wenn ich lache, auch wenn ich nicht an einer Multivitamintablette ersticken will, ist jeder Tag immer noch ein Kampf. Die Lichtblicke der vergangenen Wochen könnten aber ein Indiz dafür sein, dass mein Neujahrsvorsatz wirkt: Leben. Im vergangenen Jahr war ich weit davon entfernt. Jetzt denke ich immer öfter, das Leben kann doch weitergehen.

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