cemeterysf„Du bist ja gar nicht so negativ.“ Es riecht nach Zimt und Winter in dem Café, das ein Freund als Treffpunkt für einen Austausch gewählt hat, nachdem er meinen alten Blogpost und die dazugehörige Statusmeldung auf Facebook gelesen hatte. „A smile relieves a heart that grieves“, zitiere ich die Rolling Stones in meinem Kopf.

Eine Woche später stehe ich mittellaut schluchzend in der Warteschlange der Postfiliale. Es ist erstaunlich, an welchen Orten man in Österreich öffentlich heulen kann, ohne dabei angesprochen zu werden. Immer gibt es einen Grund, nach dem nie jemand fragt.

Heute ist dieser Grund ein zwei Jahre alter Text, auf den ich zufällig gestoßen bin. Während ich am Heimweg darüber reflektiere, habe ich plötzlich ein irrsinniges Verlangen, die Person von damals zu sein. Die Person von damals hatte viele Probleme, vor allem nach diesem Text – aber sie hatte Gründe, zu schreiben. Und plötzlich wird mir bewusst: Ich habe nicht nur meine Lebensfreude, sondern auch die Inspiration für das Schreiben verloren.

Was ich mehr vermisse, kann ich nicht bewerten. Zum Gefühl der Leere und Nutzlosigkeit gesellt sich die Tatsache, dass mir die einzige Gabe in meinem Leben abhanden gekommen ist. Mein Vater hat sich nicht nur sein Leben, sondern mir auch mein letztes Stück Selbstliebe und mein einziges Talent genommen.

Seit einem Jahr habe ich nur noch eine Geschichte zu erzählen. Die von dem Leben nach dem Suizid meines 32 Jahre älteren Ichs. Sie handelt davon, allein gelassen zu werden in einer Welt, für die wir beide nicht geschaffen wurden. Diese Geschichte sucht eine Antwort auf die Frage, wie ich die nächsten 70 Jahre mit diesem Schmerz in mir überleben kann. Wie mein Vater 48 Jahre mit dem Schmerz über den Verlust seines Vaters leben konnte und dann doch seinen innerlichen Kampf vorzeitig beendete.

Gleichzeitig versuche ich seit einem Jahr, diese Geschichte ständig zu überschreiben und mit neuen Versionen von mir neue Geschichten zu erfahren. Ich flüchtete mich in Sarkasmus. Ich setzte ein Pokerface auf. Ich habe die Trauer anderer ignoriert. Ich habe begonnen, mir täglich eine Maske aufzumalen. Ich habe zehn Kilo abgenommen, fünf Kilo zugenommen und wieder fünf Kilo abgenommen. Ich habe meinen Kleiderschrank geleert und neu gefüllt. Ich habe mir helfen lassen und nicht helfen lassen. Ich habe monatelang nur leichte Musik gehört, um mich nicht durch Eddie Vedders Texte in die nächste Sinnkrise zu stürzen.

All diese Versionen haben trotzdem die gleiche Geschichte. All diese Versionen weinen hysterisch auf der Straße, all diese Versionen lachen laut über die eigenen Suizidscherze. All diese Versionen suchen jeden Morgen nach Gründen, aufzustehen und weiterzuleben. Denn all diese Versionen wissen auch, dass es keine andere Option gibt.

So verfolgt mich diese Geschichte und ich weiß, dass sie niemand mehr hören will. „Schreiben ist für mich auch Therapie“, sage ich meinem Freund, während eine weitere Zimtwolke an uns vorbeizieht. Also muss ich diese Geschichte wohl immer wieder schreiben, bis ich eine neue erlebe.

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